Ein Plädoyer für Bewegung in der Pressefreiheit

Gedanken zum Orientierungsproblem

Wäre ich gläubiger Moslem, ich empfände vermutlich die aktuelle Charlie Hebdo Titelseite als Provokation. Im Namen der Pressefreiheit wird in den letzten Tagen Provokation aufs äußerste getrieben und dabei ein wichtiger Aspekt außer Acht gelassen: Satire ist immer kulturell geprägt. Sartirische Darstellungen in einem bestimmten Kulturkreis sind daher sehr spezifisch und in anderen Kulturkreisen nicht immer verständlich. Bei der Darstellung religiöser Figuren ist es kein neues Phänomen, das Gläubige dies als Affront ihres Weltbilds betrachten.

Wie tolerant ist es, von anderen Toleranz um jeden Preis zu verlangen? Europa versucht nun unter dem Deckmantel der Pressefreiheit, der islamischen Welt sein Denksystem überzustülpen. Das funktioniert bei denjenigen leichter, die in Europa leben sowie bei Intellektuellen in jenen Ländern, die überall auf der Welt offener sind für andere Denksysteme. Aber bei Menschen in kleinen Dörfern, den Armen in Städten, wie? Menschen, für die ihre Religion Zuflucht bedeutet und denen sie Orientierung gibt in einer verrückten und sich immer schneller verändernden Welt; wieso wollen wir ihnen diesen Orientierungsrahmen wegnehmen?

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Auf der Website von Charlie Hebdo steht zu lesen „Journal Irresponsable“ – unverantwortliches Magazin. Das ist vielleicht das grundlegende Dilemma der aktuellen Vorfälle. In „Pressefreiheit“ steckt das Wort „Freiheit“ und Freiheit impliziert immer auch „Verantwortung“. Welche Ausdrucksform auch immer ich wähle – ob Text, Video, Kunst, Comic – als Autor und Publizist trage ich Verantwortung für das Gesagte. Je weiter sich das gesprochene Wort verbreitet, desto größer seine Wirkung. Dessen MUSS ich mir als Meinungsmacher (und das sind Medienmacher) bewusst sein und gefälligst dafür die Verantwortung übernehmen. Alles andere ist kindisch, nach dem Motto: „Aber ich war’s doch nicht! Der da hat mit den Steinen geworfen!“

Warum werden Jugendliche gewalttätig? Warum gehen sogar Kinder zur IS? Meine Antwort: sie sind auf der Suche nach einem Orientierungsrahmen. Auch für Moslems, die in Europa leben, ist dieser oft verloren gegangen. Oder eher noch: wir alle suchen nach Orientierung, nach einem Bezugsrahmen, mit dessen Hilfe wir unsere Gedanken und Emotionen einordnen können. In der modernen Gesellschaft steht Individualität an oberster Stelle. Es fehlt der Halt in der Familie, der in anderen Kulturen noch stärker ausgeprägt ist, als er es bei uns war.

Wenn soziales Ungleichgewicht steigt und Gewaltakte in der Bevölkerung sich häufen, ist auf einmal Budget da für die vermeintliche Sicherheit der Bürger. Auf einmal gibt es Sondereinheiten, die IS-Zellen in Belgien den Garaus machen, Verdächtige werden unter Zuhilfenahme eine Mehr an Personal ausgeforscht, und die EU-Grenzen wahrscheinlich wieder strenger „gesichert“. Wo kommt dieses Geld her, dass bei Rufen nach mehr Sozialleistungen und einer Aufstockung des Bildungs-Budgets nicht da ist? Da heißt es, es gäbe kein Geld. Doch seien wir ehrlich. Es gibt genug Geld! Es ist immer nur eine Frage der Verteilung.

Ja, in Krisensituationen ist der erste Schritt, die unmittelbare Situation zu stabilisieren. Doch was folgt danach? Ich habe einen Vorschlag, wie potenzielle Jugendliche IS-Bewerber „bekehrt“ werden können: Bewegung. In den Schulen steht immer weniger Sport am Stundenplan. Eine Stunde Bewegung pro Tag, die hilft, sich selbst, den Körper und gesteckte Ziele zu erforschen, sich selbst besser kennen zu lernen, mit einer Schule oder einem Team zu identifizieren. Wir alle suchen nach Identifikationsfiguren. Das sind zunächst die Eltern, dann Popstars, erfolgreiche Spitzensportler, Star-Blogger oder eben Religionsfanatiker – oft geht es darum, sich einfach der Meinung von jemandem anzuschließen, der klar eine Meinung vertritt. Körperliche Betätigung kommt, und das ist allseits bekannt, in unserer Leistungsgesellschaft viel zu kurz. Wir sitzen viel zu viel. Warum also nicht das Problem an einer der Wurzeln packen und sportlicher Betätigung den Wert zu geben, der ihr zusteht? Schließlich ist unser Körper in der Lage, wahre Wunder zu vollbringen. Leider beschränkt sich das heute oft auf Schreibtisch-Arbeit und Tippen am Smart-Phone. Auf Bereiche wie Ernährung, emotionales Gleichgewicht, Naturbewusstsein, sexuelle Ausgeglichenheit, etc. will ich hier nicht näher eingehen. Das würde den Rahmen sprengen. Wir wissen allerdings, dass all diese Themen miteinander in Verbindung stehen.

Ist Charlie Hebdo ein Zwischenfall, der das Problem mangelnder Toleranz der fanatischen Islamisten zeigt? Ich sage: Nein. Stattdessen macht er uns auf ein Grundproblem aufmerksam, nach der menschlichen Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung, die noch dringender wird, je lauter wir „Pressefreiheit“ rufen.

Herzlichst,

Margit Atzler

PS: Meine Argumentationen berufen sich auf keine wissenschaftlichen Erkenntnisse – meiner Ansicht nach reicht es manchmal, den gesunden Menschenverstand einzuschalten anstatt penibel zu messen und zu wiegen.

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